Auf Lichtenberger Straßen – Bertus Bouwman

Bertus Bouwman (Foto: Steffen Roth)

In jedem Newsletter stellen wir eine*n Lichtenberger*in vor. Mal ein Mitglied unseres Netzwerks, mal eine*n Nachbar*in, Landes- oder Bezirkspolitiker*in oder Anwohnende. Wesentlich: Wir sprechen über ein lebenswertes Lichtenberg und was es dafür braucht.

Heute im Interview: Bertus Bouwman (34). Bertus ist gelernter Journalist und Mitbegründer einer deutsch-niederländischen Medienagentur. Er lebt seit 7 Jahren in Berlin, und schreibt über Politik, Wirtschaft, digitale Innovation und Mobilität. 

• Seit wann fährst Du Fahrrad?

Ich bin auf einem Bauernhof in den Niederlanden aufgewachsen. Wahrscheinlich setzte mich meine Mutter auf ein Fahrrad, als ich zwei oder drei Jahre alt war, damit ich meinen Vater selbstständig besuchen konnte, wenn er im Kuhstall arbeitete. Radfahren ist für mich so selbstverständlich wie Laufen. Ich radelte selbständig mit meinen Nachbarskindern zur Grundschule (6 km) und zur Sekundarschule (20 km). Erst seit ich in Deutschland lebe, habe ich entdeckt, dass dies für die meisten Kinder nicht selbstverständlich ist.

• Wo wohnst Du ungefähr? 

Zuerst wohnte ich in Karlshorst, aber nach meiner Heirat zog ich mit meiner Frau in Fennpful ein. Ich lebe total gerne in Lichtenberg, aber es wurde mir bald klar, dass Radfahrer hier kaum berücksichtigt werden. 

• Was bedeutet das Radfahren für Dich? 

Das Fahrrad ist in einer Stadt wie Berlin das bei weitem effizienteste Verkehrsmittel. Da ich nicht die Zeit habe, im Stau zu warten, fahre ich viel lieber mit dem Fahrrad. Trotz der schlechten Infrastruktur ist dies für mich immer noch mit Abstand das angenehmste Verkehrsmittel. 

• Welche Verkehrsmittel nutzt Du noch?

Als ich nach Berlin zog, habe ich mein Auto verkauft. Obwohl ich gerne Auto fahre, ist es für mich in der Stadt völlig unnötig. Aber manchmal benutze ich ein Shared Car für Einkäufe und gelegentlich öffentliche Verkehrsmittel. 

• Welche Ziele sind Dir besonders wichtig?

Ich möchte, dass Menschen von Jung bis Alt  sicher Rad fahren können. Wir sollten auf der Straße keine Angst um unser Leben haben müssen.

• Was ist für Dich eine lebenswerte Stadt?

In den Niederlanden ist Radfahren eine soziale Aktivität. Ich fuhr immer neben Schulfreunden auf dem Nachhauseweg mit dem Fahrrad. So entstehen die schönsten Gespräche. Ich fühle mich jetzt wie Teil einer Entenfamilie, die hintereinander watscheln bzw. fahren muss.

Welche Rolle spielt das Radfahren in deiner Arbeit?

Ich merke, dass Radfahren ein schöner Moment ist, um über meinen Arbeitstag nachzudenken. Ich bekomme neue Inspiration und frische Luft.  

• Welche Stelle in Lichtenberg ist jetzt definitiv zu gefährlich?

Lichtenberg ist vor allem für Kinder und Senioren leider weitgehend zu gefährlich. Aber wenn ich mich auf Fennpfuhl konzentriere, dann ist die Storkower Straße wirklich ein Problem. Da Autofahrer oft viel schneller als 50 Stundenkilometer fahren, ist es sehr gefährlich, die Straße zu überqueren. Verkehrsinseln könnten Fußgänger*innen und Radfahrenden helfen, sie sicherer zu überqueren, und die Geschwindigkeit von Autos verringern. Zudem verdecken geparkte Autos oft die Sicht. Wenn man die Radwege von der Fahrbahn trennt, kann man es für alle viel sicherer machen. 

• Was würdest Du für Fußgänger*innen gern verbessern?

Bei mir in der Straße ist der Bürgersteig immer zugeparkt von Autos, die eigentlich kaum benutzt werden. Fußgänger*innen können sich dort kaum begegnen und es gibt kaum Platz für Senior*innen mit Rollator. Das würde ich gern ändern – und es wäre so einfach, gerade in der aktuellen Situation.

• Welche grundlegenden Veränderungen wünschst Du Dir für Lichtenberg bis 2030? 

Ich hoffe, dass ein Ampelsystem eingeführt wird, in dem alle Verkehrsströme klar voneinander getrennt sind. Dies ist viel effizienter und sicherer. 

Jetzt ist der Fahrradverkehr oft noch ein politisches Thema einer einzigen Partei. Ich hoffe, dass bald auch die Christdemokraten bis hin zu den Sozialisten entdecken werden, dass sicheres Radfahren keine Frage der politischen Farbe ist, sondern ein universelles Menschenrecht.

Umfrage Pop-Up-Bikelanes

Einrichtung eines temporären (nicht geschützten) Radstreifens auf der Frankfurter Allee – wenige Meter von Lichtenberg entfernt.: schnelle Maßnahmen für einen sicheren Radverkehr.

Leider gibt es in Lichtenberg bislang keine Pop-Up-Bike Lanes. Und auch wenn wir sie uns sehnlichst wünschen, so sind die Aussichten im Bezirk dafür leider schlecht. Eine in diesem Fall obstruktive Allianz des CDU-Verkehrsstadtrats Martin Schäfer mit dem Linken-Bürgermeister Michael Grunst stemmt sich in seltener Einigkeit gegen das sichere Radfahren, unter anderem mit der Begründung man wolle “gleich richtig anfangen, nicht nur provisorisch”.

Und es fehle noch Bürgerbeteiligung. Andere Bezirke demonstrieren eindrücklich, was eine willige Verwaltung für mehr Sicherheit auf den Straßen erreichen kann. Und um diese soll es hier gehen.Denn temporäre und langfristige Maßnahmen schließen sich keinesfalls aus, eher ist das Gegenteil der Fall.

Vermutlich habt Ihr aber dennoch schon die Gelegenheit gehabt, in anderen Bezirken einen Pop-Up-Radstreifen zu nutzen. Der Aufgabe, die Wirkungen der neuen Spuren auch wissenschaftlich zu untersuchen haben sich drei Studierende der Humboldt-Universität angenommen. Einige Vertreter*innen unseres Netzwerks haben an der Umfrage teilgenommen. Die Ergebnisse findet Ihr demnächst hier.

Das Netzwerk zu Gast im Podcast

Vielleicht hast du dich ja auch schon einmal gefragt, wie unsere Arbeit im Netzwerk Fahrradfreundliches Lichtenberg konkret aussieht und mit welchen Herausforderungen wir zu tun haben? Unser Mitglied Justus stand just als Gast des Berlina Prima Klima Podcasts von Fridays For Future Berlin Rede und Antwort.

Herausgekommen ist nicht nur ein spannender Einblick in unsere Arbeit, sondern auch eine Bestandsaufnahme der aktuellen Verkehrspolitik in Berlin. Inklusive Diskussion zu Popup-Radwegen, Mobilitätsgesetz und der Frage, warum die Verkehrswende in den Bezirken so unterschiedlich angegangen wird. Sicher auch für unsere lokalpolitischen Vertreter*innen interessant.

Justus Schöller beim Berlina Prima Klima Podcast Folge 5 (55 min)

Polizei und Ordnungsämter – können die wirklich Hauptstadt?

Von wem geht hier eigentlich die Gefahr aus? Foto: Marlene Sattler

In den letzten Wochen wurden von der Berliner Polizei und den Berliner Ordnungsämtern wieder sogenannte Verkehrssicherheitswochen durchgeführt, bei denen auch „zu einem flauschigen Gespräch über Verkehrssicherheit – sei es über E-Scooter, Rechtsabbiegen oder den Toten Winkel“ eingeladen wurde. Angesichts der zahlreichen schwerverletzten und sogar getöteten Radfahrer*innen und Fußgänger*innen der letzten Tage an sich eine gute Initiative.

Doch leider krankt es bei dieser Initiative wieder einmal an der Glaubwürdigkeit. Denn wenn Polizist*innen und Ordnungshüter*innen nach wie vor über den sogenannten „Toten Winkel“ bei LKW unterrichten wollen (siehe auch Bild 1), obwohl dieser seit Einführung der zusätzlichen Außenspiegel nicht mehr existiert, (siehe auch den Beitrag “LKW haben keinen „Toten Winkel”oder die Polizei LKW-Fahrende darauf hinweist, dass sie „mit Fehl- und Trotzreaktionen Anderer“ rechnen mögen (siehe Bild 1), dann werden Ursache und Wirkung katastrophalen Fehlverhaltens verdreht – ein Schlag ins Gesicht aller Opfer und deren Angehöriger!

Zudem erfolgen die Kontrollen und Belehrungen zum Teil auch an hinreichend bekannten Unfallschwerpunkten, wie etwa der Marktstraße am Ostkreuz. Dort wurden unter anderem jugendliche Fahrradfahrer*innen, die in Begleitung ihrer Eltern mit ihrem Fahrrad den lebensgefährlichen Weg über die Straße mieden und auf dem Bürgersteig fuhren, verwarnt und mit dem Hinweis auf die Straße geschickt, dass sich auch 12-Jährige den Widrigkeiten des Lebens aussetzen müssen, wenn das Gesetz es so vorsieht.

Dass auf der Marktstraße seit Jahren Fußgänger*innen und Radfahrer*innen schwer verletzt und sogar getötet werden, weiß wahrscheinlich jede*r Ordnungshüter*in Lichtenbergs. Aber anstatt die empörten Eltern („Es muss doch für Schulkinder möglich sein, gefahrlos mit dem Rad in die Schule zu kommen!“) einfach ratlos dastehen zu lassen, könnte die Polizei diese doch wenigstens informieren, wer genau für diese andauernden Missstände verantwortlich ist. Oder Polizei und Ordnungsamt laden einfach selbst die Entscheidungsträger*innen in Bezirk und Senat – und dies immer wieder – vor Ort und fordern diese Kraft ihres Amtes zum Handeln auf.

Erkennt das Lichtenberger Ordnungsamt nun auch die Vorzüge geschützter Radwege? Am Fr. 19. Juni auf dem geschützten Radweg der Rummelsburger Landstraße geparkter Dienstwagen des Lichtenberger Ordnungsamts (Foto: E. Gauterin)
Doch einem großen Teil der Ordnungshüter*innen scheint es einfach an der entsprechenden Einstellung zu mangeln: Da werden mit den eigenen Fahrzeugen geschützte Fahrradwege blockiert (siehe Bild 2) oder bei der ach so dringlichen Überwachung einer Müllbeseitigungsaktion auf dem Bürgersteig an der viel befahrenen Frankfurter Allee (unter den Ringbahnbrücken) blockieren die beteiligten Fahrzeuge den Radfahrstreifen.

Und wenn sich dann der fassungslose Fahrradfahrer angesichts dieses gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr bemüht, dass die zahlreich anwesenden und kaum beschäftigten Beamt*innen rasch diese extreme Gefährdung beseitigen, dann wird dieses Bemühen im besten Fall mit Ignoranz bestraft. Es werden auch Platzverweise ausgesprochen und Tätlichkeiten vorgenommen, doch an der gefährlichen Situation für den Radverkehr wird nichts verändert.In den letzten Tagen wird viel über die Arbeit der Ordnungshüter*innen dieses Landes diskutiert. Angesichts derartigen Verhaltens im Bereich der Verkehrssicherheit darf es einen jedoch nicht wundern, dass Berliner Ordnungshüter*innen nicht das uneingeschränkte Vertrauen, großen Respekt oder gar hohe Sympathien genießen. Und angesichts derartiger Defizite wirkt die Image-Kampagne der Berliner Polizei „Wir können Hauptstadt“ zumindest lächerlich, denn Können und „Einsatz für Berlin“ sähen beim Fahrrad- und Fußverkehrs deutlich anders aus.

LKW haben keinen „Toten Winkel“

Abbiegende LKW und Busse sind gefährlich! (Grafik: Changing Cities)

Abbiegende LKW sind nach wie vor eine der Hauptursachen für schwer verletzte oder gar getötete Fußgänger*innen und Radfahrer*innen auf Berliner Straßen.

Daher hat die Berliner Polizei in den letzten Wochen an zahlreichen Kreuzungen dieser Stadt wieder auf diese Gefahrenlage hingewiesen, was wir grundsätzlich sehr begrüßen und unterstützen – denn abbiegende LKW und Busse sind extrem gefährlich und können katastrophale Folgen nach sich ziehen.

Doch leider werden bei diesen Polizeiaktionen nur die potenziellen Opfer, also Fußgänger*innen und Radfahrer*innen und nicht die LKW-Fahrer*innen angesprochen. Und obendrein bemüht die Polizei den nun schon seit gut 11 Jahren nicht mehr vorhandenen „Toten Winkel“, um Fahrradfahrende zu sensibilisieren.

Denn schon seit 2007 verpflichtet die EU alle Mitgliedstaaten, neue LKW nur noch mit zahlreichen Spiegeln für eine lückenlose Rundumsicht zuzulassen, so dass sich bei richtiger Einstellung und ungehinderter Sicht auf diese Spiegel kein „Toter Winkel“ mehr ergibt – seit 2009 sind auch alle Alt-LKW entsprechend nachzurüsten.

Doch diese Spiegel werden beim Abbiegevorgang nicht immer ausreichend beachtet, wie z.B. das Unfallgutachten über den am 12. Juni 2018 am Brunsbütteler Damm überfahrenen, siebenjährigen Constantin zeigt, der durch einen unachtsamen, rechtsabbiegenden LKW-Fahrer vor den Augen seiner Mutter getötet wurde.

Wir wünschen uns daher, dass die Berliner Polizei nicht nur Radfahrende und Fußgänger*innen, sondern vor allem auch LKW- und Bus-Fahrer*innen für die extrem gefährlichen Abbiegesituationen sensibilisiert (siehe auch den Beitrag “Berlin Polizei – Nicht da für Dich”). Denn nur wenn entsprechend langsam und umsichtig abgebogen wird und dabei auch alle Spiegel und Fensterflächen genutzt werden, lässt sich die Gefahr für den Fuß- und Radverkehr verringern.

Außerdem schließen wir uns den Forderungen von ADFC Berlin und Changing Cities an, dass der „Tote Winkel“ endlich richtig geahndet wird. Denn wenn ein solcher auftritt, dann hat der*die  LKW-Fahrer*in die Spiegel nicht richtig eingestellt und muss entsprechend zur Rechenschaft gezogen werden.

Rechts abbiegen mit Todesfolge – Brief an die politischen Entscheidungsträger*innen

Stadtrat Schaefer während der Mahnwache
Stadtrat Schaefer während der Mahnwache

Es ist wieder passiert: Ein LKW-Fahrer biegt rechts ab und überfährt dabei einen geradeaus fahrenden Radfahrer. In diesem Fall von der Rhinstraße kommend auf die Landsberger Allee Richtung Westen. Der 47-jährige starb noch an der Unfallstelle. Das war am 18. Mai. Es ist der dritte Mensch, der seit März auf dieser Straße starb. Und der sechste Radfahrende in Berlin.

Trotz gegenteiliger Beteuerungen und eines Gesetzes, das unverzügliche Maßnahmen nach schweren Unfällen und Todesfällen festgeschrieben hat, ist es wieder passiert. Und es passiert wieder: Nichts. 

Zumindest ist das zu befürchten.

Am 19. Mai sind viele Menschen an der Unfallstelle zu einer Mahnwache versammelt – eigentlich dürfen es nur 50 sein. Ebenfalls anwesend ist Bezirksstadtrat Martin Schaefer. Denis Petri von Changing Cities formuliert die Gefühle der Anwesenden: Wie immer bei diesen Anlässen mischen sich Trauer und Wut. Die Wut wird größer. Die Worte bitterer.

Sicherlich ernst gemeinte Bekundungen verpuffen derweil im politischen Alltagsgeschäft – und verantwortliche Politiker*innen und Verwaltungsangestellte können sich auf „prüfen, planen, mit einander sprechen” und die sogenannte “Verhältnismäßigkeit der Mittel“ herausreden.

Fakt ist: Es stehen verhältnismäßige, effektive, unverzüglich anzuordnende, rechtssichere Maßnahmen zur Verfügung. Jede Baustelle bekommt sie und kann damit innerhalb von Stunden eingerichtet werden. Einmal eingerichtet bleiben sie nicht selten Monate oder gar Jahre bestehen, für private und öffentlich Bauunternehmen sind diese Dinge kein Problem, und es ist auch für die Verwaltung kein Problem sie anzuordnen.

Erklären Sie diesen Unterschied den Hinterbliebenen – und erklären Sie uns allen, warum es unzumutbar sein soll, einen LKW mit einem Abbiegeassistenten auszustatten – für ein Promille des Kaufpreises. Oder einen Radstreifen einzurichten, der die Spuren von Kraftwagen und nicht-motorisierten Menschen trennt. Für einen Bruchteil der Mittel, und Zeit, die für Planung und Einrichtung finaler Baumaßnahmen eingesetzt werden müssen. Mit dem Vorteil aus den Erfahrungen zu lernen und die geeignetste Maßnahme verstetigen zu können, so wie es Friedrichshain-Kreuzberg gerade exerziert.

Fehler sind menschlich – aber Untätigkeit ist in diesem Fall unmenschlich.

Changing Cities setzt sich nicht nur bei Mahnwachen zusammen mit dem ADFC, dem VCD und vielen Menschen für eine sichere, fehlerverzeihende Infrastruktur ein. Das Mobilitätsgesetz schreibt den Ausbau in Berlin im Sinne der Verkehrswende vor. Friedrichshain-Kreuzberg MACHT es einfach: Es ist nicht leicht, aber es ist möglich – und es hängt offenbar an einzelnen Menschen, die sich nicht hinter der Masse verstecken, sondern die Möglichkeiten ihres Amtes im Sinne der gefährdeten und ungeschützten Verkehrsteilnehmer*innen nutzen.

Und das sind am Ende Kinder. Kinder denen die Möglichkeit der gesunden Bewegung genommen wird, weil die „zu gefährlich“ ist. Kinder, denen Angehörige genommen werden. Kinder, die selber zu Schaden kommen. Und Kinder, deren Zukunft bedroht ist durch Klimawandel und Luftverschmutzung. Kinder stehen hier als besonders schutzwürdige Menschen natürlich nur stellvertretend für alle. In letzter Zeit waren gerade ältere Menschen zu Fuß am häufigsten als Opfer von „autogerechter Infrastruktur“ zu beklagen. Der zuletzt Getötete wurde 47 Jahre alt.

Corona deckt auf, wo die Grenzen unserer Kontrollmöglichkeiten sind – Corona zeigt uns aber auch neue Handlungsspielräume. Nein, das ist keine Verschwörungstheorie, das ist eine Frage des Gewissens und der Prioritäten. Und es ist Ihre Pflicht darauf zu reagieren, sehr geehrte Damen und Herren Verkehrspolitiker*innen und Verwaltungsangestellte. Allen voran Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer und in Ihrem Bezirk sind es Sie, Herr Stadtrat Schaefer, zusammen mit Ihnen, Herr Bürgermeister Grunst.

Angst-Ecke / Gutgemacht-Stelle

Radfahrer*innen willkommen in der EDEKA-Filiale Franz-Jacob-Straße (Foto: Bertus)
Radfahrer*innen willkommen in der EDEKA-Filiale Franz-Jacob-Straße (Foto: Bertus)

Lob an die EDEKA-Filiale im Fennpfuhl. Das Team aus dem Supermarkt hat bemerkt, dass Kunden zunehmend mit dem Fahrrad zum Einkaufen kommen. Letzten Winter wurde ein wackeliger Radständer gegen dieses robuste Exemplar ausgetauscht. Die Kunden machen jetzt dankbar Gebrauch davon. Vielleicht ist bald sogar eine Erweiterung erforderlich.

Mit jedem Newsletter bringen wir eine Ecke Lichtenbergs ins Blickfeld, die uns glücklich macht oder die uns im Gegenteil Angst macht. 

Machen Sie mit und senden Sie Ihr Bild mit einer kurzen Beschreibung an info@radbezirk-lichtenberg.de.

Auf Lichtenberger Straßen – Eckhard Gauterin

Eckhard Gauterin auf dem Freiraumwunder (Foto: Privat)
Eckhard Gauterin auf dem Freiraumwunder (Foto: Privat)

Ab sofort stellen wir in jedem Newsletter eine*n Lichtenberger*in vor. Mal ein Mitglied unseres Netzwerks, mal eine*n Nachbar*in, Landes- oder Bezirkspolitiker*in oder Anwohnende. Wesentlich: Wir sprechen über ein lebenswertes Lichtenberg und was es dafür braucht.

Heute im Interview: Eckhard Gauterin. Eckhard (47) forscht seit vielen Jahren im Bereich der  Windenergienutzung. Insofern hat er schon von berufswegen viel Erfahrung mit Strömungswiderständen und Auftriebskräften gesammelt. Als fahrradfahrender Vater engagiert er sich am Berliner Ostkreuz mit dem „Freiraumwunder“ und der „Bürger*innen-Initiative Kaskel-Kiezblocks“ für die Rückeroberung des Straßenraums für Fußgänger*innen und Radfahrende.

• Seit wann fährst Du Fahrrad?

Wenn ich mich recht erinnere, bin ich mit vier Jahren das erste mal Fahrrad gefahren; auf einem feuerroten Kinderrad und von Anfang an ohne Stützräder, aber mit vielen blauen Flecken.
 

• Wo wohnst Du ungefähr? 

Ich wohne seit rund 25 Jahren am Ostkreuz und bin jeden Tag mit dem Rad und zu Fuß unterwegs. 
 

• Was bedeutet das Radfahren für Dich? 

Freiheit und Entspannung ohne Fahrplan und Drängler – am liebsten auf grünen Wegen ohne Autos. 
 

• Welche Verkehrsmittel nutzt Du noch?

„Schusters Rappen“, ab und zu die „Öffentlichen“ und die Bahn, aber immer seltener einen Leihwagen – seit es die fLotte (kostenlose Lastenräder für Berlin) gibt.

• Welche Ziele sind Dir besonders wichtig?

Mit dem Freiraumwunder, der mobilen Sitzbank für den Straßenraum, die Straßen für Menschen ohne Autos zurückzugewinnen.

• Was ist für Dich eine lebenswerte Stadt?

Eine Stadt, in der deutlich mehr Platz für Fußgänger*innen und Radfahrende ist und in der Autofahrer*innen dies auch mit einem freundlichen Lächeln ertragen können.

• Wann macht die Arbeit besonders Spaß?

Als wir neulich mit dem Freiraumwunder auf der Warschauer Straße unterwegs waren, überholte uns ein Lieferwagen und der Fahrer fragte, ob wir nicht die Fahrzeuge tauschen könnten – Verkehrswende geht also doch, und sie fängt bei jeder*m Einzelnen an!

• Welche Stelle in Lichtenberg ist jetzt definitiv zu gefährlich?

Die Straßen rund ums Ostkreuz. Ich wünsche mir, dass diese z.B. von Kindern sicher und entspannt zu Fuß gekreuzt und mit dem Fahrrad genutzt werden können. Dazu sollten kurzfristig temporäre, geschützte Radwege, sichere Kreuzungen sowie mehr Fuß- und Radüberwege mit langen Ampelphasen eingerichtet werden. Warum nicht auch die Kynastbrücke ausschließlich dem Fuß- und Radverkehr widmen?

• Was würdest Du für Fußgänger*innen gern verbessern?

Es gibt einen tollen Film vom ersten Superblock in Barcelona, der zeigt, dass Autos innerhalb dieser Quartiere tatsächlich nur noch Gäste sind – da wäre ich gerne Gastgeber.

• Welche grundlegenden Veränderungen wünschst Du Dir für Lichtenberg bis 2030? 

Das vermeintliche Motto des familienfreundlichen Bezirks auch mal konsequent und beherzt im Straßenraum umzusetzen.

Freiraumwunder aus Lichtenberg erobert Raum für ganz Berlin

Auf dem Weg zum Autogipfel (Foto: Norbert Michalke)
Auf dem Weg zum Autogipfel (Foto: Norbert Michalke)

Es ist eine auffällige kleine Gruppe, die den 11 km langen Weg von Lichtenberg zum Kanzleramt antritt. Ein Teil des kleinen Teams der innovativen Freiraumwunder-Bauer*innen zieht den bunten Handwagen zusammen mit einem Team von Changing Cities größtenteils auf den breiten Berliner  Straßen, denn dafür ist das Freiraumwunder gebaut: Raum für nicht motorisierte Menschen befreien.

Die Lichtenberger*innen wollen damit auf ihr Anliegen hinweisen, den Kaskelkiez vom Durchgangsverkehr zu befreien und langfristig zu einem Kiezblock zu machen. Zusammen mit dem Aktionsteam von Changing Cities wollen sie damit aber auch in ganz Berlin für #FaireStraßen sorgen, und bundesweit soll endlich Schluss sein mit der Bevorzugung der Auto-Industrie.

Das Freiraumwunder bietet nämlich serienmäßig Platz für Menschen jeden Alters, es wird umweltfreundlich gezogen, und es ist einfach schön. Beim Autogipfel am 5. Mai fordert es zusammen mit einem breiten Bündnis das Ende der Abwrackprämien und eine Mobilitätsprämie für alle. 

Auch wenn es nur ein Double (Robert Rating) von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer war, der die Vorzüge des “Gehfährts” beim Autogipfel vor dem Kanzleramt gleich erkannt hat: Hinter den Kulissen wird hoffentlich schon über eine Kaufprämie für kiezeigene Freiraumwunder verhandelt. Und das finden dann sicherlich das Double von Peter Altmeier und das von Jens Spahn gut: MobilitätsPrämien für alle, für eine zukunftsfähige und gesunde Wirtschaftsförderung! 

Keine Popup-Radwege für Lichtenberg

Blumen für die Bauarbeiter der Popup-Bikelane Frankfurter Allee  (Foto: Inge Lechner)
Blumen für die Bauarbeiter der Popup-Bikelane Frankfurter Allee  (Foto: Inge Lechner)

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg macht es vor: in Rekordgeschwindigkeit (3-4 Tage) werden temporäre Radwege an Hauptstraßen eingerichtet, wo es bisher keine oder nur sehr schmale Radinfrastruktur gab – sinnvollerweise dort, wo Planungen schon länger vorliegen.

Auf dem diesjährigen FahrRat im Februar haben wir noch gefordert, mit Baustelleneinrichtungen schnell Sicherheit für Radfahrende zu schaffen und sind damit auf Skepsis in der Verwaltung gestoßen (hauptsächlich rechtliche Bedenken). Jetzt hat die Senatsverwaltung rechtssichere Regelpläne aufgestellt, nach denen solche Radwege krisenbedingt schnell – ohne lange Planungsphase – umgesetzt werden könnten.

So sind wir denn auch am 8. April mit konkreten Vorschlägen für Popup-Bikelanes an das Bezirksamt herangetreten:

  • Hansastr./Falkenberger Chaussee (gerne mit Pankow koordiniert)
  • Weißenseer Weg (zwischen Konrad-Wolf-Str. und Hansastr.)
  • Landsberger Allee (hauptsächlich die Südseite, die noch unsaniert ist)
  • Frankfurter Allee (auf ganzer Länge, vor allem da, wo keine Busspuren markiert sind)
  • Treskowallee (vor allem da, wo aktuell keine Radwege existieren)
  • Hauptstraße (ab Karlshorster Str. stadtauswärts)

Nach knapp 10 Tagen kam die Antwort, dass man sich mit den Vorschlägen befassen möchte. Dem Wortlaut der Email nach zu urteilen hat das Bezirksamt erst durch uns von diesen neuen Regelplänen erfahren. Seither gab es für uns keine neuen Informationen, und nach wie vor ist nichts umgesetzt worden (seit zwei Monaten!).Über die Presse wissen wir bereits, dass eine schnelle Umsetzung von Popup-Radwegen in Lichtenberg nicht angestrebt wird. Der zuständige Stadtrat Martin Schaefer (CDU) äußert sich dazu: „Der Bezirk wird tiefgreifende Neuordnungen im Straßenverkehr nicht ohne die Einbeziehung der bezirklichen Gremien und der Bewohnerschaft veranlassen“.

Ein bemerkenswertes Vorgehen. Wenn es nach dem Lichtenberger Bezirksamt gegangen wäre, hätte sicher auch die Bevölkerung erst nach ihrer Meinung zu Corona-Maßnahmen befragt werden müssen. Klingt nicht nach tatkräftiger Krisenbewältigung.

Die Meinung des Netzwerks kennt Herr Schaefer schon, denn von uns aus hätte es im Februar schon losgehen können mit provisorisch geschützten Radstreifen. Damals hat Herr Schaefer eine Liste mit den dringlichsten Stellen erbeten – siehe oben. Wie lange müssen also Lichtenberger Radfahrer*innen noch auf krisensichere Wege warten? Wir sind gespannt auf die weiteren Gespräche!